Montag, 24. Mai 2010

USA – New York, North Carolina, South Carolina, Georgia, Florida Pt. 3

Ich bin immer noch leicht geschockt von der Kakerlake, die mir letzte Nacht um nulldreihundert über den Körper gewandert ist. Nie hätte ich eine Kakerlake in diesem pingelig sauberen Motel in West Palm Beach erwartet. Aber es schläft sich dann doch recht viel schlechter wenn man es überall zu krabbeln glauben hört.

Nun, trotz zitternder Finger (ja, bei Insekten bin ich leicht schreckhaft und weder Roman noch ich brachten es fertig, das Tier zu zertreten), trotz zitternder Finger also bin ich mir bewusst, dass ich noch New York schuldig bin, das ich zum grossen Unmut einiger im letzten Eintrag unterschlagen habe.

Joah, wo fängt man da denn an, mit diesem New York? Vor allem, wo fängt man an, ohne in den Klischeeteich zu fallen? Ja, es ist gross; ja, da sind verdammt viele Leute; ja, es ist bunt und laut und faszinierend und ungeheuer und alles (und mit dem Auto da rumfahren ist das, was auf Erden der Hölle wohl am nächsten kommt, siehe Bild).


Am ersten Tag sind wir jedenfalls von der 55th Street bis ganz nach Süden gelatscht und das hat uns so zwei, zweieinhalb Stunden gekostet (die neuen Reef-Flipflops taten dabei – wen es interessiert – einen superen Job). Das ist ungefähr die Hälfte von Manhattan der Länge nach, was wiederum nur ein recht kleiner Teil von New York ist. So viel zu New York und gross und alles. (Im Bild übrigens das Flat Iron Building, bekannt aus Funk und Fernsehen, das wir auf unserer Wanderung antrafen.)


Die Grösse schön eingedampft hat aber unser Hotel, mit Namen 1291. Erst nach Ankunft wurde uns die Bedeutung der Zahl bewusst. Na, klingelts? Genau, das Gründungsdatum der Schweiz. Es dämmerte uns erst, als wir an der Reception mit "Ah, Schwizer!" begrüsst wurden. So kanns gehen. War aber nicht schlimm, im Gegenteil. Wir haben so auch noch Noemi kennen gelernt, die uns am letzten Abend beigesellte (ich hoffe, sie verzeiht mir mein spätnachtliches Gitarrengesäusel).

Die Kombination von Reizüberflutung aufgrund von Alles-machen-und-sehen-wollen und von kaputten Füssen liess in uns die Entscheidung reifen, dass wir, trotz aller Schläge, die wir womöglich kassieren werden, eine Big-Apple-Bustour machen würden. Ja, schlimm, ganz schlimm. Sagt man. Wir fandens super, aber wir sind auch ganz einfache Gemüter und geben manchmal keinen Deut auf Realness. Auf jeden Fall haben wir viel gesehen, und ich wage zu behaupten, dass man mit dem Doppelstöckerbus etwas mehr sieht als mit der Subway, aber ich kann mich täuschen. (Im Bild: Klassisches New York.)


Wir fuhren dann durch Manhattan, Harlem, Brooklyn und schifften zur Freiheitsstatue. Das brauchte Zeit, war aber spassig, wenn wir nicht gerade überenthusiasmisierte Amerikanerinnen hinter uns im Bus hatten.

Was man alles sieht? Ich stehe für das Blog hier vor einem Entscheidungsproblem, was ich alles für Fotos zeigen will (ich habe mittlerweile etwa 1'500 mal einfach draufgehalten). Aber gut, ich übertreibe mal ein wenig und zeige wild drauflos. Erstens, die wohlbekannte Freiheitsstatue:


Dann Manhattan vom Wasser aus, mit mir, Schnute ziehend:


Dann Brooklyn Bridge mit der Freiheitsstatue im Hintergrund:


Schliesslich ein fotografisch hübsches Motiv, direkt am Ende der Brooklyn Bridge.


Dann noch eine träfe Aufnahme vom Times Square; genaues Hinschauen lohnt sich.


Und schliesslich noch der Blick vom Empire State Building gegen Süden. Auf dem Turm ging ein derart steiler Wind, dass man sich in diesen hineinfallen lassen konnte. Bild davon dann woanders.


So. Soviel zu New York. Bilder gibts dann noch mehr, für diejenigen Menschen, die nicht schon jetzt overkilled sind.

Bevor wir vorwärtschronologisch vorgehen, für einmal, noch ein kurzer Einschub, ebenfalls wie versprochen: Lake Harmony. Klingt schön, ist schön; eine Stunde von New York entfernt fanden wir Zuflucht in einem freundlichen Motel direkt an einem See (der, wait for it, Lake Harmony). Zufallstreffer, aber entspannend, so als Ruhe vor dem Sturm New York. Ecce!


Nun also Zeitsprung, bis auf den Blue Ridge Parkway, auf dem wir das letzte Mal stehen geblieben waren. Nachdem wir die Ungarn abgeladen hatten, gerieten wir in gar grässlichen Nebel, der auf den Fotos aber gar nicht so grässlich wirkt, darum kein Bild. Der Parkway nimmt sich allgemein recht schweizerisch aus, viel Grün, schöne Hügel und alles. Supersache also, wenn auch bekannt.

Bevor wir aber in wirklich schwindelerregende Höhen fuhren (über 2000 Meter über Meer!), machten wir noch Halt in einer Ortschaft namens Hillsville, von der mir in Erinnerung bleiben wird, dass ein Pickup voller weiblicher Wesen an uns vorbeifuhr und dabei schrie (die Weiber, nicht der Pickup): "Wanna see some tits?" Hach, die unschuldigen Landgeschöpfe. Das hier ist Hillsville:


Nett, nicht? Weiter gings mit sanften Hügeln und sattem Grün (bin wohl gerade in der lokaljournalistischen vor-jedes-Substantiv-gehört-ein-Adjektiv-Phase).


Zufällig (wirklich!) stiessen wir dann noch auf einen Weiler mit dem schönen Namen «Little Switzerland». Alles dabei erinnerte uns an die Schweiz. Not. War trotzdem nett, das Gartensalätchen da (Bild-Text-Schere).


Nun denn, auf über die, ähm, Baumgrenze, bis zum höchsten, äh, Berg von Ostamerika (also östlich des Mississippi). Dabei fanden wir noch Zeit für ein furchtbar gestelltes Fotoshooting. Entschuldigung im Voraus für das nächste Bild (die Höhenluft...). Man betrachte allerdings meine neuen adidas-Sneakers (Betonung auf dem «i» von adidas), für die ich ohne zu übertreiben schon etwa fünf Komplimente von wildfremden Menschen erhalten habe («Man, great kicks, man!» und dergleichen)


Auch Roman fand, die Berge bildeten eine würdige Plattform zur Selbstdarstellung. Über die Pose lässt sich natürlich streiten.


Next stop, Asheville, ein wunderbar oder auch furchtbar progressives Städtchen, wo unser werter Kollege Daniel ein ganzes Jahr Austausch zugebracht hat. In der Innenstadt kein einziger Chain Store, eben, je nach Betrachtungsweise wunderbar oder furchtbar. Ich fands super. Viel selber Gelismete natürlich. Tanzende Menschen und Hippies allenthalben, und eine Comicfreaks-Versammlung mit einem Ghostbuster-Auto vornedran.


Ich täte Asheville aber unrecht, und da stimmt mir Daniel sicher zu, wenn ich nur das Ghostbuster-Auto zeigen würde. Asheville Downtown ist zwar sehr leicht begehbar, aber ein Melting Pot mit Anlehnungen an viele andere Städte. Strassennamen übernommen aus Philadelphia, ein Flat Iron Building mitsamt Wall Street und Battery Park (und ein Biergarten, in dem ich mich leicht in die Kellnerin (ist der Ausdruck heute noch angebracht?) verliebt habe.

Ah, genau, noch ein Foto, tanzende Menschen im Park.


In Asheville trafen wir schliesslich Catherine, die uns so einheimisch fühlen liess, dass ich den Fotoapparat für schöne zwei Tage gar nicht aus dem Rucksack zog. Wir waren in einigen der lokalen Mikrobrauereien und haben «Nuovo Cinema Paradiso» im Künstlerviertel auf einen Lastwagen projiziert geschaut. Sehr super, und der Film ist mir ans Herz gegangen. Schade habe ich kein Bild von Catherines Haus und ihrer Porch, wo wir des Abends ein Assortiment örtlicher Bierspezialitäten verköstigten. Es war auf jeden Fall wundervoll, danke Catherine (auch wenn du das hier wohl nicht verstehst, hähä).

Ach so, ich muss die Chronologie nochmal kurz aufbrechen. Vor Asheville waren wir ja noch in Boone, einer «lively» Collegetown recht hoch oben. Im Winter werde es recht kalt, sagte man uns. Wir haben uns jedenfalls durch die Bar getrunken, nachdem wir nochmals ins Hotel zurück mussten, weil nur Pässe akzeptiert werden, keine Identitätskarten (faszinierend, nicht?). Als alles zuging und ich gerade noch die Jukebox mit vier Quarters füllte, sprach uns Molly an, eine, ähm, eher ziemlich sehr füllige Frau, die uns netterweise noch zu sich auf den Hügel einlud. Neugierig, wie wir halt sind, gingen wir mit und rauchten ein merkwürdiges Kraut, worauf mir der Deckenventilator äusserst spannend erschien. Sie fuhr uns dann ins Motel. Nett.

Auch von Boone: Keine Fotos. Manchmal bin ich etwas fotomüde.

Von Asheville aus gings schliesslich nach Charleston und von da nach Savannah. Charleston ist hübsch und geschichtlich theoretisch recht interessant, wegen Sklavenhandel früher und alles. Wir waren aber etwas müde. Die Bäume sind dafür recht schön.


Savannah erschien uns darum spannend, weil man da auf der Strasse Alkohol trinken könne. Es war auch hübsch, vor allem das freche Containerschiff, das vor unseren Shrimpbaskets, die wir zum Zmittag hatten, vorbeifuhr.


Auch sonst: Schön, aber das Wilde an Savannah, das uns der Lonely Planet versprochen hatte, fanden wir nicht. Vielleicht waren wir auch zu müde. Nochmals ein schönes Bild.


Joah. Daytona Beach (ja, Nascar und mit dem Auto auf den Strand fahren), Islands of Adventure in Orlando, Palm Beach (inklusive Details der aufregenden Kakerlakenstory) sowie Miami Beach gibts dann im nächsten Eintrag. Irgendwann, ne.

Donnerstag, 13. Mai 2010

USA – Pennsylvania, New York, Maryland, DC, Virginia

Highlight heute: Die Online-Pizzabestellung bei dominos.com. Website sieht toll aus, jeder Schritt ist wundervoll einfach und zu guter Letzt gibts einen Tracker, bei dem steht, wer die Pizza gerade zubereitet, in den Ofen schiebt, qualitätskontrolliert und schliesslich ausliefert (Mona hat die Pizza belegt und gebacken, Dustin hat sie direkt an die Hotelzimmertüre geliefert). Sowas hab ich noch nie gesehen. Weiteres Highlight: Das Fenster in unserem Hotelzimmer lässt sich öffnen. Ich weiss, es ist schwer vorstellbar, dass das jemanden freut, aber nach etlichen Hotels mit verschlossenen Fenstern ist es grossartig, draussen den Regen tropfen zu hören.

Nach diesem zugegebenermassen leicht kleinteiligen Einstieg dann doch richtige Erlebnisse. Wir wurden heute im Shenandoah Nationalpark wüst zugeregnet, nachdem wir doch tatsächlich eine kleine Wanderung zu den Black Hollow Falls angestrengt hatten. Als Schweizer ist man landschaftlich relativ nahe an Shenandoah dran, einfach nicht mit diesen Ausmassen. Endlos Wald, Wald, Hügel und dann wieder Wald. Der Wasserfall mit Roman im nächsten Bild mag denn auch vielen Schweizer Wanderfreunden bekannt vorkommen.


Ein keckes Bambi erblickten wir auch noch, als es in der Bachmitte äste. Hach, Mutter Natur und alles.


Die gute Tat haben wir heute auch vollbracht: Ein ungarisches Ehepaar ohne auch nur die geringsten Fremdsprachenkenntnisse trocken durch den Regen und zu ihrem Campingplatz chauffiert. Meine drei Wörter Ungarisch aus dem Budapest-Urlaub hatte ich leider schon wieder vergessen (wer je versucht hat, sich ungarische Wörter zu merken, kann das nachvollziehen).

(Wer auf New-York-Zeilen wartet: Bitte nach unten scrollen, erst gibts noch Washington und Baltimore und je nach Laune auch noch Philadelphia).

Im bewährten rückwärtschronologischen Stil gehts also zurück nach Washington. Die volle Dosis USA hat man uns versprochen, und die volle Dosis USA haben wir erhalten. Einquartiert haben wir uns in der lokalen Jugi. Ich weiss nicht, ob ich mich jetzt schon über Dorms auslassen soll oder später. Nö, machen wir jetzt, sonst finde ich später keinen Einstieg mehr.

Also: Dorms (zu deutsch: Schlafräume mit diversen Menschen) sind zwar meist recht günstig; damit hat sichs aber auch schon. Etwas weiter vom Stadtzentrum entfernte Motels erhält man meist für einen vergleichbaren Preis (nette Vergünstigungen gibts etwa über Roomsaver.) Dafür gibts dann: Privatzimmer, grosse Betten, Alkoholerlaubnis im Zimmer, Privatfernseher, Privatdusche, Kühlschrank, Raucherlaubnis im Zimmer, Parkplatz, Privatsteckdose. Des Weiteren: Niemand, der um neun Uhr abends schon schläft (Asiaten, Ältere, Alkoholisierte) und um sieben Uhr morgens schon wieder im Dorm rumort (Asiaten, Ältere, Museumsjunkies). Hab ich erwähnt, dass ich nicht sooo wahnsinnig gut geschlafen habe im Hostel? Eben.

Aber weg von den Nebenschauplätzen hin zu Stätten von Weltruhm. Wem angesichts von White House, Washington Monument, Lincoln Memorial, Capitol, Supreme Court, Jefferson Memorial, World War II Memorial, Vietnam Veterans Memorial, Korean War Memorial oder FDR-Memorial das Herz nicht bedeutend wird, den bewegt wohl nichts Politisches mehr im Leben. (Hier, stellvertretend, das, na?, White House.)


Washington ist zusammengefasst: Monumente, Memorials, Polizei, Riesengebäude, Museen, plattgelatschte Füsse. Aber das ist eigentlich schon so allgemein, dass es fast ein Fazit der Stadt sein könnte. Ist noch etwas früh dafür.

Darum noch eine Detailaufnahme aus dem Capitol: Da wollten wir doch rein, auf dem Hügel oben schreit ja alles «wichtige Dinge geschehen hier». Die Eingangskontrolle dauerte schon mal länger als die für die Flugreise und ich musste meinen Sonncrèmespray draussen entsorgen und 20 Sekunden später nochmals durch den Metalldetektor und der Rucksack nochmals durch das Durchleuchtedings, worauf die gestrenge Polizistin ihn sich noch einmal manuell vornahm und dabei ganz neue Sachen darin nicht so lustig fand. (Zugegeben: Mein Rucksack hat etwa zwanzig Taschen, hihi). (Im Bild also, mangels hübscher Innenaufnahmen, das Capitol von aussen.)


Dann zuerst ins House of Representatives, quasi unser Nationalrat. Da war nicht allzu viel los, ausser dass Nancy Pelosi einer Congresswoman das Wort erteilte und diese zu einer eher zähen Rede anhob. Also ab in den Senate, und nach dem Repräsentantenhaus und dem Eingang schon die dritte Sicherheitskontrolle im Capitol. Auf jeden Fall waren wir grad rechtzeitig da, denn John McCain sprach vor dem kaum besuchten Senate über weiss auch nicht mehr genau. Aber reden kann er ganz gut. Fotos davon gibts leider nicht. Die haben uns vorher alles abgenommen. Besonders witzig fanden wir jedoch noch den Schnelltipper, der mit einer Schreibmaschine, die er wie einen Bauchladen vor sich befestigt hatte, im Saal herumging und tippte wie ein Wahnsinniger, dabei aber einen derart professionell gelangweilten Gesichtsausdruck spazieren führte, dass wir nur noch staunen konnte. Gut, die arbeiten auch nur in 10-Minuten-Schichten. Kurzstreckenläufer.

Nun ja, neben ein paar Bier in einer weniger verlassenen Zone als Downtown fällt mir zu Washington nicht mehr so viel mehr ein gerade. Ah, doch, Squirrels:


Vor Washington gabs Kurzstopps in Philadelphia und Baltimore. Philadelphia verströmt eine gute Dosis Geschichte (war ja zumindest mal im 18. Jahrhundert zehn Jahre lang Hauptstadt), aber es hielt uns nicht allzu viel da. Mehr Fotos als das tapfere Ross mit Reiter gibts dann ihr wisst schon wo.


Joa, und für Baltimore hatten wir dann entweder zu wenig Zeit oder zu wenig Mut. Fans von «The Wire» wissen es: Die Stadt hat eine der höchsten Mordraten der USA und ist kein einfaches Pflaster. Der Hafendistrikt ist allerdings sehr handzahm.


Jesses, und jetzt noch New York? Wisst ihr, wie lange ich jeweils habe für diese Beiträge? Stunden, ernsthaft. Nicht sehr effizient, ich weiss, aber meine Leser liegen mir halt am Herzen. Darum schlage ich vor: New York gibts bald in einem separaten Beitrag (sowie, als kleines Zückerchen unseren Zufallstreffer Lake Harmony). Titel ändere ich jetzt nicht mehr ab. Betrug am Leser? Kann sein. Spassig? Jaha.

Dienstag, 4. Mai 2010

USA – Tennessee Pt. 2, Missouri, Illinois, Ohio

Grüezi. Wie gewohnt beginne ich hier mit dem Status Quo. Wir befinden uns in Macedonia, total im Schilf, irgendwo nach Cleveland, Ohio, in einem Days Inn für 50 Dollar die Nacht. Morgen gehts dann bis vor die Pforten von New York City, wir sind hier also nur auf der Durchreise. Eben gerade hab ich mir im nahegelegenen Einkaufsfdorf (eine Wohnung habe ich da jedenfalls nicht gesehen) drei Adidas Orginals T-Shirts geleistet, für je 6 Dollar 99. Alles leicht surreal heute Abend. Erst sind wir über den Highway zu diesem Dings spaziert, unter Einsatz unserer beider Leben, und danach über Parkplätze geschritten, deren Ausmasse locker die eines kleinen Schweizer Dorfs erreichen. In Applebee's einen fruchtigen Salat gegessen, jetzt gehts mir für einmal nach dem Essen richtig prächtig. Wichtige Regel: Niemals das grösste Angebot nehmen und damit rechnen, dass auch das mittelgrosse einen bis an den Anschlag auffüllt.

À propos Auffüllung. In Chicago, wo wir noch gestern waren, teilten Roman und ich uns eine lokale Spezialität, Grösse Medium – eine «Deep Dish»-Pizza. Auf diese Erfindung sind sie sehr stolz, die Menschen in Chicago. Nüchtern betrachtet ist eine Deep-Dish-Pizza aber nichts anders als eine amerikanisierte italienische Pizza. Heisst: Dicker, aber leckerer Teig, viel Belag, gigantöser Rand. Lecker durchaus, sogar sehr, aber mit den Brennwerten eines schönen Stabs Uran.

Aber sonst, Chicago, Wahnsinn. Grossartige Stadt, supergeile Innenstadt, direkt am Lake Michigan (Süsswasser!), Sandstrand, schöne Parks, nette Menschen. Ich habe so viele hübsche Fotos hier, muss gerade mal ein schönes auswählen. Ah, hier ist der Blick vom Navy Pier auf die nördliche Innenstadt.


Rechts vorne, das schwarze, sich gegen oben verjüngende Gebäude ist der John Hancock Tower. Da waren wir oben. Nein, nicht auf dem Sears Tower, weil uns der Lonely Planet nahelegte, den Big John zu erklimmen, und wir tun alles, was der Lonely Planet uns sagt. Innert 40 Sekunden gings mit 20 Meilen pro Stunde auf über 300 Meter. Die Aussicht war dann schlicht atemberaubend. Exempli gratia:


Der «Multimedia-Guide» auf dem Tower belehrte uns über Chicago: Zum Beispiel färbt die Stadt jedes Jahr zu St. Patricks Day den Chicago River grün. Die Fliessrichtung desselben wurde zudem irgendwann in einer ingenieurtechnischen Meisterleistung umgedreht, da zu viel Mist in den Lake Michigan gelangte und damit die Trinkwasserversorgung der Stadt in Gefahr geriet. Mittlerweile ist der Lake Michigan einer der saubersten Binnengewässer der Welt und hält zusammen mit den anderen Great Lakes 20 Prozent der Trinkwasservorräte der Welt.


Mehr Bilder der Aussicht und von Chicago gibts dann anderswo im Internetz. Wir also weiter durch die Stadt, mit offenen Mündern und zunehmender Nackenstarre vom Hochschauen. So sieht das dann von unten aus (links oben übrigens der Sears Tower, das höchste Gebäude in Nordamerika).


Und schliesslich noch die lustige «Silver Bean», in der sich jeder Chicago-Tourist mindestens einmal gespiegelt fotografiert.


Abends strichen wir dann jeweils nassforsch um die Häuser. Am Freitag trafen wir Tony, einen spassigen, wenn auch schon leicht angeschickerten Local, der uns erklärte, dass wir uns gerade im «Viagra Triangle» befänden: Alte Männer auf der Suche nach junge Frauen und alte Frauen auf der Suche nach jungen Männern. Ausserdem sei das Cedar Hotel, in dem wir unseren Abend nach einigen Drinks im günstigen und zentral gelegenen Ohio House Motel fortsetzten, für Menschen ohne richtig viel Asche ohnehin nicht der richtige Platz, um nette Menschen kennen zu lernen.

Tony nahm uns also mit in einen Club, in dem wir zwar keinen Penny zahlen mussten für Bier aus dem Schlauch und weitere pubertäre Spiele, der aber bis auf uns komplett leer war. Tony verliess uns kognitiv zunehmend und wir liessen den Abend in der Division Street auslaufen, wo wir zwei Schweizerinnen trafen, die US-Städtehopping per Flugzeug betreiben, also eigentlich das Gegenteil von uns. Sie liessen sich von unserer Vorgehensweise aber nicht überzeugen. Also Taxi, Hotel, schlafen.

Break, Rückblende. Nach dem etwas enttäuschenden Memphis lupfte St Louis auf dem Weg nach Chicago unsere Stimmung wieder. Erstes Highlight: Der Gateway Arch des finnischen Architekten Eero Saarinnen; ein 192 Meter grosser Bogen direkt am Mississippi, der die Bedeutung von St Louis in der Besiedelung des amerikanischen Westens herausstreichen soll.


Auch neben diesem halben McDonalds-«M» ist St Louis eine freundliche Stadt: Baseballbegeistert, fragmentiert in ganz unterschiedliche Quartiere und mit einer zentralen Grünfläche, grösser als der Central Park in New York. Überall war das Bestreben spürbar, die Stadtflucht der letzten sechzig Jahre aufzuhalten, im Zuge derer sich die Bevölkerung in der eigentlichen Stadt fast halbiert hat. Die neusten demografischen Zahlen zeigen denn auch, dass wieder mehr Leute in die Stadt ziehen. Kein Wunder, bei zauberhaften Quartieren wie dem universitär dominierten «Loop» oder «The Hill» (letzteres in folgendem Bild).


Was noch? Ach, wir waren noch Pedalofahren und in der Anheuser-Busch-Brauerei, die pro Jahr gemäss Romans Gedächtnis 15.8 Millionen Barrel Bier produziert. Top.


Von Memphis habe ich ja noch kaum berichtet, ausser von unserer eher zweilichtigen Begegnung mit Big T und Big Robin. Am Tag danach haben wir die Sun Studios besucht, das einiges an Legendenschwere mit sich schleppt. Mittlerweile ist es nicht mehr so richtig in Betrieb, obwohl man noch Night Sessions buchen kann in der alten Garage, wo unter anderem Elvis Presley, Johnny Cash, Jerry Lee Lewis, Carl Perkins, Roy Orbison und andere Legenden aufgenommen haben.


Roman hat mich vor dem Mikrofon erwischt, in das alle der erwähnten Herrschaften schon reingerotzt haben. Erhabenes Gefühl, leicht verschwommen eingefangen.


Man spürt in Memphis aber, dass es eine «struggling» City ist. So viele homeless people, viele Geschäfte sind ausgezogen, in Einkaufszentren ist höchstens die Hälfte der Läden offen, die Stadt wirkt an vielen Stellen ausgestorben, fast schon unheimlich.

Und nun hier, Macedonia, etwa sechs Stunden noch nach New York. 2500 Meilen zurückgelegt, mindestens noch so viel vor uns. Es ist ein unglaubliches Land, aus dem ich gerne noch mehr Seitenlanges berichte. Machts gut, ihr alle, ich freue mich auf ein Wiedersehen. But not yet.

Dienstag, 27. April 2010

USA – Florida Pt. 2; Louisiana, Tennessee

Puh, zum Glück im Motel jetzt. Beale Street in Memphis ist zwar ganz hübsch, aber zehn Minuten draussen und man wird von ungefähr zehn verschiedenen Typen angesprochen, wegen Zigaretten, Geld, Phonecall und so weiter. Dabei haben wir auch Big T und Big Robin kennen gelernt (letzterer hatte übrigens was von Omar aus «The Wire»). Die waren erst ganz nett und spassig, wurden dann aber etwas ungemütlich – ich glaube, Big Robin wollte durch Flüstern und konsequentes Separieren meiner Selbst von Roman einen Keil zwischen uns treiben. Er sprach immerzu von «That's not good, man!» und «I don't like that man», obwohl ich wirklich nicht verstand, was er meinte. Wohl alles Taktik.

Wir also ab in eine Bar, Big Robin folgte uns, fand aber kurz darauf einen andere naiven Touristen, der ihm ein Bier brachte. Sobald das Bier da war, schritten wir nach draussen und warden nicht mehr gesehen. Die zwanzig Minuten Fussmarsch zum Motel waren etwas, hm, spooky. Morgen besser ein Cab nehmen.

In Graceland waren wir auch schon, aber eher zufällig. Der sympathische dicke Mann im RV-Park, wo wir aufgrund der Empfehlung im Lonely Planet hinsteuerten, wies uns auf die Bedeutung von «RV» hin (Recreational Vehicle); also keine Hotelzimmer für Roman und Mathias. Wir also weiter in die Tourist Information, wo wir uns ganz doll zusammenreissen mussten, damit wir die beiden älteren Damen mit ihrem meterdicken Südstaatenakzent überhaupt verstanden. Sowohl der RV-Typ als auch die Tourist-Lady führten zudem einen derart trockenen Humor mit sich, dass die Bröselcookies in unserem Mietautos sich dagegen wie reines Wasser ausnahmen. Aber nett waren sie alle allemal.

Fotos von Memphis machen wir dann morgen. Bei Tageslicht ist das alles dann doch etwas entspannter. Das war in New Orleans anders (und so zehn Grad wärmer wars da auch). Bin nicht sicher, obs am gerade stattfindenden Jazz Fest lag, aber im French Quarter tanzte der Bär ziemlich sportlich. Solange man sich nicht von den umherziehenden Mädchen mit den Reagenzgläsern im Ausschnitt abziehen lässt, verbringt man eine entspannte Zeit. Ab und an gibts für attraktive Menschen eine Perlenkette auf den Kopf von leichten Mädchen im ersten Stock. Ich habe jetzt noch Kopfweh.

Natürlich waren wir auch bei Tage in New Orleans unterwegs. Man betrachte Exhibit No. 1. Mehr Evidence gibts dann auf diesem Facebook.


Ach, ich habe noch nichts erzählt über unser Hostel. Leicht ausserhalb, im Garden District, hatten wir ein halbes Haus für uns. Man beachte, wie Roman, der sich leicht auch Big Roman nennen könnte, im folgenden Bild in der Architektur buchstäblich untergeht.


Garten gabs auch. Mit Aschenbecher und einer sehr gefährlichen Raupe, die uns ob ihrer Gefrässigkeit wohl verschlungen hätte, wären wir nicht nach drinnen geflüchtet.


Es zog uns sonntags ins Aquarium in New Orleans. Spassige Viecher gabs da und viele Ami-Kinder, die bereits alles «awesome» und «cuuuuuute» fanden. (Kids, huh?). Siehe übrigens nächstes Bild mit cutie Sting Ray fishy.


Noch weiter zurück: Die Älteren werden sich erinnern; wir starteten ja nach dem letzten Blogeintrag in St. Petersburg. Brian und Stephanie betonten vor unserer Abreise nochmal die Insignifikanz von Floridas Capital City Tallahassee und liessen uns ziehen. So schlimm kanns nicht sein, dachten wir, und fuhren los.

Bis Tallahassee wars allerdings eine Ecke. Falls ich an Gott glaubte, dankte ich ihm für den Tempomat. Geschwindigkeit setzen und die Füsse links aus dem Fenster halten (theoretisch möglich, ne). Ich habe fast stundenlang das Gaspedal nicht berührt und nur mit dem hübschen Kippschalter am Lenkrad operiert.

Nach St. Petersburg bis nach Dings, äh, Tallahassee war dann grossteils nix los, also so richtig nix. Nicht so Schweiz-nix, sondern einfach bis zum Horizont nix, und rechts und links sowas von nix, dass das Navi nichts Besseres wusste, als beige Fläche anzuzeigen.

Gen Tallahassee wurde die Vegetation grüner und, so man will, euopäischer. Was mir Gelegenheit zum Hinweis darauf gibt, dass die Amerikaner, diese Teufelskerle, ihre Häuser unmittelbar neben den grossen Strassen (vulgo: Autobahn) aufstellen. Zu ihnen und auch zu den Leuten weiter im Nichts draussen kommt man jedenfalls, indem man direkt von diesem Autobahn-Äquivalent in die Auffahrt reindrischt.

Auf der Fahrt nach Tallahassee machten wir Halt in Porton Springs. Die Menschen da fischen Schwamm und sind zum überwiegenden Teil griechischer Abstammung. Ein kleines Mykonos inmitten von Amerika also, sage ich, während ich mich gegen den Schlag der Klischeekeule wappne (und mit dem folgenden Pelikanfoto ablenke).


Und dann Tallahassee, Floridas Capital City, offiziell so um die 180'000 Einwohner. Die Dame im Tourist Information Center war unwirklich freundlich und drückte uns fünf bis zehn Karten von Tallahasse in die Hand und empfahl uns schliesslich auch noch die Plätze, wo die ganzen blonden Studentinnen feiern.

Nach dem Blick vom 22. Stock des neuen Kapitols zog uns aber eine unsichtbare Hand weiter. (Im folgenden Bild: Altes und neues Regierungsgebäude, plus Sonne).


Vielleicht war es auch ein Mini-Washington-Gefühl, das uns ergriff, als im Lift des Regierungsgebäudes ein Mann im 14. Stock mit seiner Assistentin (Vermutung) flirtete und im 10. Stock ein unterwürfiges «How are you, Sir? hervortat. Zurück im Auto flüsterte uns die sympathische Dame aus dem Navigationsgerät, die 90 Meilen bis Panama City schafften wir in einer Zeit nahe Lichtgeschwindigkeit.

Upon closer inspection aber ergab sich: Das Navi, Herr Schirrmacher, war so clever, als dass es unser Ziel in einer neuen Zeitzone verortete. Das erste Mal in meinem Leben habe ich eine Zeitzone auf dem Boden überquert - und niemand sagt was. Kein Sekt, keine Raketen, nix. (Gut, ich war bis anhin auch noch nie in den USA, geschweige denn in vier States an einem Tag, aber trotzdem, einen Vulkan hätte jemand schon abfeuern können, das tut auch den Tieren nicht so weh im Kopf.)

So, dann, Panama City Beach, keine Stadt, sondern ein seelenloses Etwas, gebaut eher darum, weil da überall Meer ist; architektonisch so wertvoll wie die Kommode im Brockenhaus hinten links. (Gut, vielleicht hätte schönes Wetter noch was ausgemacht. Das war übrigens auch der Abend, als ein Tornado von Norden nach Süden zog und in den westlich gelegenen Staaten Louisiana und Mississippi Zerstörung hinterliess.)


Auf der Suche nach einer schlafbaren Unterkunft schlugen wir zuerst einen $119-Room aus und entschieden uns aufgrund gründlicher Recherche zufällig für das, ähm, Beach Motel. Das lag zwar nicht am Strand, aber fast. Beach kommt einfach immer gut. Also Koffer hinein und duschen.

Gegessen haben wir fantastisch, aber weil es hier kurioserweise kaum Wi-Fi gibt, habe ich den Namen des Lokals vergessen (weil sonst hätte ich bei foursquare einchecken und später nachschauen können, aber das wird jetzt zu geeky). Vermerkt sei hierbei noch der aus einer Art White Chocolate bestehende Dessert, der in der Schweiz locker für ein Drittel Kompanie reicht. Eine Art Crème Brulée mit Gallonen Butter und whatnot. Das alles hat uns Kellner Steve empfohlen, der vom Körperumfang weit unter dem amerikanischen Schnitt liegt und alle zweiunddreissig verfügbaren Flaschenbiere so zuverlässig aufzählte als sei es sein Stammbaum.

Unser «Hotel» war dann auch eher, ähm, Quatsch. (Dafür hält der Besitzer zwei bis fünfzehn Katzen in seinem parfümierten Dings, das er Rezeption schimpft.)


Darum haben wir uns entschieden zu trinken. Darum waren wir in einem komischen Laden ohne WiFi und mit schrecklich lauten, dicken US-Frauen, die wir erfolgreich ignoriert haben. Darum sind wir noch weiter in den Coyote Ugly Saloon, wo zwar die Bar den hübschen Mädels unter den Rock guckt, wo man aber keine tiefsinnigen Gespräche über Gott und die Welt führen kann, wie sie das in Swiss Date immer vorschlagen.

Und nun, mit Siebenmeilenstiefeln über die Chronologie hinweg: Memphis. Bis jetzt warens 1100 Meilen in sechs Tagen. Wir sind weit vor unserem Zeitplan und trotzdem ists gemütlich. Super. Bis bald wieder in diesem Theater.

Freitag, 23. April 2010

USA – Florida Pt. 1

Der grösste Quotenkiller bei Texten, so habe ich mal gehört, sei Chronologie. Darum jetzt nicht von Anfang an, sondern mittendrin.

Roman nebenan schläft, während vor mir auf TCM «Spiel mir das Lied vom Tod» läuft. Die grosse Titelmelodie von Ennio Morricone schwirrt aus dem Minifernseher, der auf dem Minikühlschrank steht, in dem man all die Maxiprodukte aus dem Walmart eher nicht unterbringen kann. Mir wird fast schwindlig, wenn ich daran denke: Ich bin in den USA, in diesem Land, das ich mir bis jetzt immer nur vorstellen konnte. Wo ich immer hinwollte, weil es mich geprägt hat, ohne dass ich je einen Fuss auf amerikanischen Boden gesetzt habe.

(Der Bebilderung halber hier mal ein Bild unseres grossartigen Nissan Altima. Geiles Alamo-Upgrade.)



Doch genug Pathos, der Abspann ist jetzt gerade vorbei, und nein, das ist kein dramaturgischer Kniff. Robert Osborne spricht jetzt mit Eli Wallach aus «The Good, The Bad and The Ugly». Über den Film. Natürlich ist der «awesome», «breathtaking», «brillant» und so weiter. Keine Abwertung, aber das ist etwas, was mir in zwei Tagen USA schon aufgefallen ist (und was ich vorher schon vermutete): Es ist alles sofort Wahnsinn und grossartig und life-changing und alles.

Gerade heute Abend, wir sind übrigens im netten St Petersburg an der Westküste von Florida, haben wir Dana getroffen, sie ist Graphic Designer, und um aufzuzählen, wofür sie alles Superlative verwendet, müsste man mehr Speicherplatz bei Google kaufen. Sie fragte uns dann auch noch, ob wir die Amerikaner wirklich als so «rude» empfinden? Nein, natürlich nicht, meinten wir, denn «rude» war wirklich die letzte Empfindung, die wir mit den Amerikanern verbinden, bis jetzt. Eher, dass man überall angesprochen wird, dass man unglaublich leicht ins Gespräch kommt. Als Schweizer wirkt das auf einen unwirklich, als wären alle Barrieren, die man bei uns vermutet, gar nicht da. Dana umarmte uns zum Abschied dann auch herzlich, als würden wir uns schon Jahre kennen.

Übrigens habe ich den Grund für Floridas Wasserknappheit ausgemacht: Die WC-Spülungen. Die füllen sich nämlich schon vor dem Geschäft bis zum Rand. Das sieht für Schweizer aus, als müsste man gleich den Klempner rufen, aber irgendeinen Grund wird es schon geben; vielleicht.

Weiter zurück in der Geschichte. In der Bar, wo wir Dana trafen, spielte Michael Gitarre und sang (ihn gibt es übrigens hier). Der rechnete wohl eher nicht damit, dass sich jemand meldet, als er fragte, ob hier wer Gitarre spiele (bei einer Bar mit fünf Besuchern auch eher unwahrscheinlich). Ich schritt dann jedenfalls frech auf die Bühne und spielte den wohl einzigen Song, den ich noch aus meinem Gehirn absolvieren kann: «Wherever you will go» von The Calling. Brachte mir einige «Good job!» der Besucher ein, unter anderem von einem kleinen indischen Jungen, und der muss es ja wissen.



Früher am Tag waren wir in Naples. Ei, ein schönes Städtchen. Direkt am Strand mit etwa drölftausend Fischern und herausgeputzt wie eine Escortdame. Alle Bilder dieses Städtchen-Schönlings gibts dann exklusiv auf Facebook oder Picasa oder sonst irgendwo in diesem Internetz; da gibts ja mittlerweile so viele Möglichkeiten - Wahnsinn!



Ob an dieser Stelle ein Rückgriff auf Miami erzähltechnisch geschickt ist, mögen andere entscheiden. Allzu viel davon haben auch noch nicht gesehen. Das Howard Johnson Plaza, unser Hotel, war zwar in Miami Beach, und wir sind auch etwas herumgekommen, doch Miami behandeln wir ausführlich erst am Schluss der Reise. Trotzdem bedaure ich es jetzt schon ausführlich, dass niemand meinen OMG-Gesichtsausdruck aufgenommen hat, als wir mit Usher im Radio über den Wassersteg von Miami nach Beach gefahren sind. Vielleicht kann ich den ja noch reproduzieren. Also den Gesichtsausdruck, nicht Usher.

Naples again: Nach den obligaten Zigaretten am Strand drückte ich im Nissan Altima auf den Anlasserknopf (Zündschlüsseldrehen gibts nicht mehr) und wir waren auf dem Weg nach St. Petersburg, da, wo diese Geschichte begann (Chronologie=Quotenkiller und so). In St Petersburg noch etwas Hafen, Subway (wer findet das eigentlich wirklich lecker?) und die hübsche Bar mit Minigeckos und angriffslustigen Riesenkakerlaken. Und eben, jetzt liege ich hier im hübschen America's Best Inn (keine Kette, obwohl es so klingt) und tippe auf die kleinen Tasten meines Netbooks. Wenn Inhaber Brian nicht so nett nach Nichtrauchen gefragt hätte, wäre ich jetzt noch eine am rauchen, aber so schaue ich wohl noch eine Late Late Night Show (Craig Ferguson!), bevor ich mich in meinem Gründerzeitbett dem Schlaf ergebe.

Falls es jemanden interessiert: Morgen gehts dann weiter nach Norden, Tagesziel Tallahassee, Floridas Capital City, obwohl jemand heute meinte, da sei ja nun wirklich gar nichts los. We'll see about that.

Für weitere Informationen übrigens: 1-800-FUNKYSHIT.

Donnerstag, 15. Oktober 2009

Lebenslanges Nichtslernen

Man stelle sich mal vor, man lese ein Leben lang philosophische Klassiker. Kant, Nietzsche, ein wenig Wittgenstein, vielleicht auch noch die Älteren, Plato, Aristoteles, Epikur. Kaum auszumalen, dass jemand, den man dann zu Kant befragt, keine Ahnung hat, was Kant eigentlich sagen will (ausser derjenige ist ein ausgemachter Dummkopf).

Und jetzt stelle man sich vor, wie unheimlich viele Menschen ein Leben lang Fussballspiele schauen, aber ausser Floskeln und Klischees nichts dazu sagen können. Schlimm, oder? Mir geht es dabei nicht gross anders. Ich habe früher selbst ein wenig Fussball gespielt, kenne also über die Regeln hinaus auch noch ein wenig Taktik. Aber damit hat sichs dann.

Das Schlimme daran ist: Das Fernsehen hilft uns nicht weiter. Gestern, beim Auftritt der Schweiz gegen Israel, ist mir das wieder einmal bewusst geworden. Nichts als Floskelgedresche, Hüppi und Sutter, die sich gegenseitig oberflächliche Pseudoweisheiten zupassen und Ruefer, der mit ein paar hundertfach verbratenen Klischees aufwartet. Aber mal etwas tiefer gehen? Taktische Feinheiten zerlegen? Fehlanzeige.

Auf einem englischen Sender habe ich einmal beobachten können, wie richtige Experten, nicht "Experten", in der Halbzeitpause Spielszenen zerlegt haben. Fünfmal abgespielt haben die das, währenddem ein altgedienter, mit allen Wassern gewaschener Trainerfuchs mit einem Stift Spieler auf dem Bildschirm markiert und Worte spricht, bei denen man nur vor dem Bildschirm sitzt und sagt: Aha, so funktioniert das also.

Wieso geht das in der Schweiz - und übrigens auch in Deutschland - nicht? Wieso können die Menschen, die uns Fussball präsentieren, nicht mehr von sich geben als "ein frühes Tor wäre ganz wichtig" und "wir müssen schauen, dass wir hinten dicht halten"? Wollen das die Zuschauer nicht? Oder denken nur die Macher dieser Fussballsendungen, dass das die Zuschauer nicht wollen?

Wie es auch immer ist: Ich will sowas. Ich will mehr als Gefasel und Gefloskel. Ich will mir kein Fussball-Lehrbuch kaufen, aber ich will, wenn ich schon ein Leben lang Fussball schaue, endlich auch mal mehr über Fussball lernen.

Samstag, 12. September 2009

5 Tweets, die nicht mal die eigene Mutter interessieren

So, jetzt ein Blogartikel im klassischen Linkbait-Stil. Und los (und ja, er ist polemisch, und ich mein nur die Hälfte so, wie ich es schreibe):

Man hört es oft: Twitter? Ach, das ist doch dieses Dings, wo Leute schreiben, wenn sie gerade einen Kaffee kochen. Oder eine Pizza in den Ofen schieben. Und sich die Haare föhnen.

Da sind wir ja immer sehr anti, da heisst es: Ja gut, man muss das ja nicht lesen. Und: Es ist ein Fehler zu denken, alles was im Internet steht, sei an einen selbst gerichtet, nur weil es öffentlich ist. Alles paletti?

Nö. Es gibt Tweets, die interessieren mich nicht einmal dann, wenn jemand ein wirklich enger Freund meiner selbst ist und ich mit ihm schon drei Monate lang auf einer irischen Wiese Schafe gehütet hab. Es gibt Tweets, wo sogar meine eigene Mutter sagen würde: Too much information! Gut, so würde sies nicht sagen. Es wäre eher ein verständnisvolles Kopfnicken, worauf sie sich wieder in die Schweizer Illustrierte vertiefen würde. Also los zu den fünf Sachverhalten, bei denen sich sogar meine Mutter wieder in ihr Schundblatt vertieft.

  1. Essenstweets
    Man kennt das ja. Toll gegessen, vielleicht auch schon leicht einen am Helm beim Dessert. Da twittern wir doch einfach mal das Menü. Leider interessiert das niemanden. Schliesslich hat uns ja auch nie interessiert, wenn Mutter die Menükarte aus einem supertollen Restaurant nach Hause genommen und daraus vorgelesen hat.
  2. Guten Morgen/Gute Nacht/Ich geh schlafen/Boah so früh!
    Ja, ist früh grad. Ja, ist erst fünf Uhr dreissig. Aber wenn ich dann um halb Elf aus dem Bett falle interessiert mich das herzlich wenig, tut mir leid. Ist ja auch schon eine Weile her, seit der Tweet abgesondert ist. Äquivalent dazu: Journalisten, die die Reportage beginnen mit: "Es ist erst halb fünf am morgen, alles ist noch ruhig..."
  3. Blip.fm-Tweets
    Ja, ich höre auch gerne Musik. Und es ist auch total nett, dass ich von euch Musiktipps erhalte, nur interessierts mich nur halb so stark. Ich habe so viele Musik, die ich selbst noch hören muss, dass mich blip.fm einfach überfordert.
  4. Reisetweets
    Ja, gut, misanthropisch; ein verspäteter Abflug nach Rio ist mir in der Bibliothek beim Masterarbeit schreiben nun so richtig egal. Nein falsch, ich mag es diesen Säcken sogar gönnen!
  5. Da-bin-ich-Tweets
    "XY ist am Helvetiaplatz Zürich." Super Sache, wenn man auch da ist. Normalerweise einfach uninteressant und die Timeline vollspammend.
Und als kleine Zugabe:
Sporttweets: Jesuschristus, jaaa, ich mach zuwenig Sport. Ich renne keinen Halbmarathon und ich steige auch nicht in jeder freien Minute aufs Rad und fahre die Schweiz ab. Das ist mein Problem. Aber bitte, schmiert mir doch nicht jede sportliche Bewegung ins Hirn, die ihr gemacht habt. Mein unsportliches Gewissen dankt es euch.